„Ich wollte doch so gern Fußballer werden, warum hast du mir nicht geholfen?“

Montag, 28.12.2015 PK

Weil ein Pfleger die eindeutigen Symptome nicht erkannte, mussten einem Kind beide Beine amputiert werden. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Was sind zwei Kinderbeine wert. Eigentlich eine ausgesprochen dumme Frage – für den kleinen Jungen nämlich sind sie unbezahlbar…

Wir wissen nicht, warum der Krankenpfleger nicht sofort den Arzt gerufen hat, als er morgens um vier an das Krankenbett des 5-Jährigen gerufen wurde und erkannte, dass sich überall auf dessen Haut dunkle Flecken gebildet hatten. Niemand weiß, warum er nicht darauf reagiert hat. Dabei sind diese Einblutungen unter der Haut selbst für einen Laien alarmierende Zeichen, die im Zusammenhang mit einer Hirnhautentzündung bei Kindern häufig auftreten – und die ganz klar signalisieren: Hier besteht Lebensgefahr!

Die Notfallversorgung kam zu spät

Am Tag zuvor war der kleine Junge mit Schüttelfrost und hohem Fieber in das Krankenhaus eingeliefert worden. Aber trotz Infusionen besserte sich sein Zustand nicht. Die verängstigte Mutter bemerkte die dunklen Hautverfärbungen zuerst. Verzweifelt rief sie den Pfleger, er möge doch bitte sofort einen Arzt verständigen. Aber der Pfleger sah keinen Handlungsbedarf und ging wieder. Erst am Morgen darauf informierte eine Krankenschwester den diensthabenden Arzt. Zwar begann der sofort mit einer Notfallversorgung und veranlasste eine Verlegung des Jungen in ein Hamburger Kinderkrankenhaus – doch zu spät. Wegen des abgestorbenen Gewebes in den Beinen mussten dem kleinen Kerl beide Unterschenkel abgenommen werden.

Das Leiden ist noch nicht zu Ende

Doch damit war es nicht getan: Das Leid des Kindes dauert nun bereits seit vier Jahren an - zahlreiche Haut- und Muskeltransplantationen waren immer wieder nötig geworden. Und bis heute muss der Junge einen Ganzkörperkompressionsanzug sowie eine Kopf- und Gesichtsmaske tragen. Er fragt immer wieder, warum ihm der Mann im weißen Kittel nicht helfen wollte.

Und die Klinik redet sich immer noch raus

Seine Eltern tun derweil das einzige, was ihnen bleibt: Schmerzensgeld fordern. Um die Zukunft ihres Jungen halbwegs abzusichern, soll das Krankenhaus 350.000 Euro zahlen. Dass dies freiwillig geschieht – damit war selbstverständlich nicht zu rechnen. Ein Behandlungsfehler? Aber nicht doch! Die Fotos auf dem Handy der Mutter? Beweisen gar nichts!  Handlungsbedarf morgens um 4.00 Uhr? Die Mutter fantasiert doch! 

Nichts kann das wieder gut machen

Zum Glück ließ das Gericht die Handyfotos der Mutter von einem Gutachter prüfen. Das Ergebnis: Sie wurden tatsächlich morgens um 4.00 Uhr aufgenommen – und die Hautflecken sind auch deutlich zu erkennen. Der Pfleger hätte also wissen müssen, was zu tun ist. Er tat es aber nicht – und das ist ein eklatanter Behandlungsfehler, an dessen Folgen ein kleiner Junge sein Leben lang leiden wird. Mit dieser Einschätzung wies das Oberlandesgericht Oldenburg die Berufung der Klinik zurück. Jetzt muss das Landgericht entscheiden, ob denn zwei Kinderbeine 350.000 Euro wert sind. Man möchte schreien, wenn man darüber nachdenkt.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Oberlandesgericht Oldenburg, Urteil vom 28.10.2015 - 5 U 156/13

OP-Besteck

Weitere Artikel

article
5533
Schmerzensgeld: Amputation durch Behandlungsfehler
Weil ein Pfleger die eindeutigen Symptome nicht erkannte, mussten einem Kind beide Beine amputiert werden. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Was...
/news/kurios/schmerzensgeld-amputation-durch-behandlungsfehler
28.12.2015 07:10
http://www.advopedia.at/var/advopedia/storage/images/media/images/op-op-besteck-getty_images/110810-1-ger-DE/op-op-besteck-getty_images_contentgrid.jpg
Kurios

Kommentare