Schreien, schlagen, schießen – wie darf ich mich eigentlich gegen Angriffe wehren?

Montag, 11.01.2016 PK

Die jüngsten sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht werfen bei vielen Frauen und Mädchen die Frage auf: Wie kann ich mich dagegen wehren – und welche Mittel darf ich einsetzen, ohne mich selbst strafbar zu machen? Beleuchten wir also einmal den Rechtsbegriff der „Notwehr“...

Was ist das eigentlich genau, diese Notwehr?  Weit gefasst ist sie nichts weiter als ein Rechtfertigungsgrund für eine Körperverletzung oder sogar die Tötung eines Menschen. Der Begriff taucht gleich dreimal in unseren Gesetzen auf: im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Strafgesetzbuch und im Ordnungswidrigkeitengesetz. Und in allen drei Gesetzen steht: „Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.“ Zugegeben: Damit lässt sich noch nicht viel anfangen.  

Geheimwaffe: Der eigene Schlüsselbund

Blenden wir also zurück in die Silvesternacht, die für viele Frauen zur Horrornacht wurde (inzwischen gibt es bundesweit über 600 Strafanzeigen). Weil als Notwehr tatsächlich nur das jeweils mildeste Mittel gilt, das man zum Zeitpunkt des Angriffes gerade zur Verfügung hat, hätten sich die Frauen selbstverständlich mit ihren Händen, Füßen, Fingernägeln und Zähnen zur Wehr setzen dürfen. Aber auch mit Waffen? Ja: Der Schlag mit der Handtasche oder dem Regenschirm sowie der Stich in die Augen mit einem Schlüsselbund wären durchaus gerechtfertigt gewesen. Aber eben nur solange, wie der Angriff andauert. Ein Nachsetzen, wenn der Täter bereits auf der Flucht ist, ist durch Notwehr keineswegs gedeckt.

Zu kompliziert oder sogar verboten

Also auch in einer Notwehrsituation darf man niemanden stärker verletzten als nötig! Also sind denn Waffen überhaupt erlaubt? Theoretisch ja: Ist der Angreifer selbst bewaffnet oder deutlich stärker, darf man auch eine Waffe einsetzen. Fragt sich nur, ob man hinterher rechtfertigen kann, warum man die bei sich hatte. Pfefferspray beispielsweise ist eine Waffe, die nur gegen angreifende Tiere eingesetzt werden darf. Und um etwa ein Messer oder eine (erlaubnispflichtige) Gaspistole einzusetzen, müsste man deren Gebrauch gegenüber dem Täter vorher androhen, um zumindest rechtlich auf der sicheren Seite zu stehen.

Verteidigung kann jeder lernen

Seit der Silvesternacht ist der Absatz von Pfefferspray sprunghaft angestiegen. Rechtlich unbedenklicher ist da aber Spray mit dem Reizgas „CS“. Beide Abwehrsprays sind allerdings, so warnt die Polizei, in ungeübten Händen eher eine Gefahr für den Anwender selbst. Was wir empfehlen würden, sind Selbstverteidigungskurse. Die wecken vor allem bei Frauen eine ganz neue Art von Selbstvertrauen – und viele von ihnen entdecken dabei zum ersten Mal in ihrem Leben, dass Hände auch Fäuste sein können.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Notwehr § 227 Abs. 2 BGB, § 32 Abs. 2 StGB, § 15 Abs. 2 OWiG

Ängstliche Frau in der Nacht

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