Gedanken zum Fall Tuğçe: die wirklichen Konsequenzen

Dienstag, 16.06.2015 PK

Der Prozess ließ bis zuletzt die Emotionen hochkochen. Bundesweit. Aber auch vor dem Landgericht in Darmstadt: Denn knapp eine halbe Stunde vor dem Urteil gegen Sanel M. kam es unmittelbar vor dem Gerichtssaal zu einer Rangelei zwischen Tuğçes Großvater und einem Freund des Angeklagten…

Sanel M. wurde heute zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Er hatte gestanden, der 22-jährigen Lehramtsstudentin im November vergangenen Jahres auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach heftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Die junge Frau fiel dadurch hin und erlitt durch ihren eigenen Ohrring tödliche Kopfverletzungen.

Wir sind fassungslos und nachdenklich

Der Prozess lässt uns alle sehr nachdenklich zurück. Zum einen, weil die Strafe von vielen, vor allem wegen der einschlägigen Vorstrafen des Angeklagten, als zu gering empfunden wird. Zum anderen aber auch, weil wir unserer Vorstellung beraubt wurden, dass hier eine Heldin für ihren Mut sterben musste. Denn was anfangs in der Boulevard-Presse stand, stellte sich im Prozessverlauf immer mehr als pure Übertreibung heraus: Das Opfer, Tuğçe, war wohl doch nicht die Heilige, die posthum das Bundesverdienstkreuz für ihr mutiges Eingreifen verdient, als sie zwei Mädchen vor der Anmache des Angeklagten beschützen wollte. Ja – dieses Eingreifen war sehr, sehr mutig und bewundernswert. Was allerdings danach kam - nämlich sich auf eine derbe Pöbelei mit dem Angeklagten einzulassen - war es nicht. Es war riskant und unnötig.

Gewalt ist nie zu rechtfertigen

Um nicht falsch verstanden zu werden: Keine Pöbelei, und sei sie noch so kränkend, rechtfertigt einen gewalttätigen Angriff! Auch wenn der Zorn hochkocht, muss man sich wenigstens soweit im Griff haben, nicht plötzlich zuzuschlagen. Denn wie dieser Fall mehr als eindrücklich belegt: Selbst eine Ohrfeige, von der man im Allgemeinen keine so fatale Wirkung erwartet, kann zur Tragödie führen.

Aber auch den Täter wird es nie wieder loslassen

Die Haftstrafe von 3 Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge – wir verstehen das nur zu gut – ist kein Trost für Tuğçes Familie. Wie auch? Und für den Täter Sanel M. wird die Strafe keine Erlösung, keine abschließende Sühne sein. Denn nach Einschätzung des Oberlandesgerichts Frankfurt, das unter anderem mit Hinweis auf massive Drohungen gegen den jungen Straftäter eine Haftverschonung ablehnte, wird Sanel M. auch nach Verbüßung seiner Strafe nicht zu schützen sein. Das ist nämlich schon während der Untersuchungshaft nicht gelungen: So wurde Sanel M. von einem Mithäftling bereits die Nase gebrochen.

Unsere Gedanken sind bei Tuğçes Familie

Auch diese Einschätzung des Gerichts lässt uns nachdenklich zurück. Wir trauern um Tuğçe, deren Leben ausgelöscht wurde, noch bevor es richtig begonnen hatte, und wir sind in Gedanken bei ihrer Familie. Nachdenken über diesen Fall sollten aber auch all diejenigen, denen leicht mal die Hand ausrutscht. Denn so eine Tragödie darf sich nie wieder ereignen.

Grab Frauenstatue

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